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Premium Energieversorgung Rettung aus der Tiefe: Wie Geothermie die Abhängigkeit von Gas aus Russland reduzieren kann

Deutschlandweit sind die Potenziale von Geothermie enorm, um Erdgas zu ersetzen. Doch es fehlt an politischer Rückendeckung.
24.06.2022 - 14:30 Uhr 3 Kommentare
Die Stadtwerke München wollen bis 2040 klimaneutral werden – mithilfe von Geothermie. Quelle: dpa
Geothermie-Anlage

Die Stadtwerke München wollen bis 2040 klimaneutral werden – mithilfe von Geothermie.

(Foto: dpa)

Berlin Das Beratungsunternehmen DWR eco kommt zu sehr eindeutigen Ergebnissen: „Die Tiefengeothermie in Deutschland hat das Potenzial, über ein Viertel des gesamten deutschen Wärmebedarfs zu decken und 60 Prozent der russischen Gasimporte mittelfristig zu ersetzen“, heißt es in einer noch unveröffentlichten Studie von DWR eco, die dem Handelsblatt vorliegt. DWR eco berät Unternehmen aus der Energiebranche zu erneuerbaren Energien.

Damit könnte die Nutzung der Erdwärme einen ganz wesentlichen Beitrag leisten, um die Wärmewende zu schaffen. Das politische Ziel der Klimaneutralität bis 2045 macht es erforderlich, das Heizen und Kühlen von Gebäuden und die Warmwasseraufbereitung vollkommen umzustellen. Außerdem zwingt die Gasversorgungskrise ausgelöst durch den Ukrainekrieg zu schnellem Handeln.

Energieversorgung: Wärmebedarf mit Geothermie decken

Der Gebäudebestand in Deutschland ist jedoch von Klimaneutralität noch meilenweit entfernt. Jahr für Jahr geben Bund und Länder Milliardenbeträge aus, um den energetischen Zustand von Gebäuden zu verbessern und den Austausch von Heizungssystemen anzureizen. Doch die Erfolge sind bescheiden. Die Sanierungsraten bleiben weit hinter den erforderlichen Werten zurück.

Noch immer fußen Gebäudeheizungen in Deutschland im Wesentlichen auf dem Einsatz von fossilen Energieträgern. Von 21 Millionen Wärmeerzeugern in Deutschland werden laut Bundesverband der Deutschen Heizungsindustrie (BDH) rund 14 Millionen mit Erdgas betrieben, weitere fünf Millionen mit Öl. Tiefengeothermie, auch tiefe Geothermie genannt, spielt eine völlig untergeordnete Rolle und ist in den Zahlen gar nicht erst enthalten.

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    Geothermie kann Abhängigkeit von Erdgas deutlich reduzieren

    Tiefengeothermie nutzt die hohen Temperaturen in Gesteinsschichten ab einer Tiefe von 400 Metern unter der Erdoberfläche. Entweder wird vorhandenes Thermalwasser direkt genutzt; es kann aber auch Wasser künstlich zugeführt werden, das sich dann unter der Erde erwärmt und wieder an die Erdoberfläche gebracht wird.

    31 Prozent des Erdgasverbrauchs in Deutschland entfielen nach Angaben des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) im Jahr 2021 auf private Haushalte, wo Gas zum Heizen und für die Warmwasseraufbereitung eingesetzt wird. Weitere sieben Prozent entfielen auf die Fernwärme-Erzeugung. In diesen beiden Bereichen liegen die Hauptanwendungsfelder der Geothermie. Aber auch für den Wärmebedarf bestimmter Industrieprozesse kommt sie in Betracht. Die Industrie steht insgesamt für 37 Prozent des Erdgasverbrauchs.

    Eine konsequente Nutzung der Tiefengeothermie würde die Abhängigkeit vom Erdgas erheblich reduzieren. Befürworter der Tiefengeothermie wünschen sich daher von der Bundesregierung, die Technologie viel stärker in den Fokus zu rücken.

    Stadtwerke München wollen bis 2040 mit Geothermie klimaneutral werden

    Zu den Befürwortern zählt Florian Bieberbach, Chef der Stadtwerke München (SWM): „Geothermie wird immer noch als eine Nischenlösung betrachtet. Dabei reden wir über deutschlandweite Potenziale. Gerade Ballungsräume wie das Rhein-Ruhr-Gebiet, Hamburg, München oder wahrscheinlich auch Berlin weisen sehr gute Möglichkeiten für die Nutzung der Geothermie auf“, sagte er dem Handelsblatt.

    Die Stadtwerke München sind Vorreiter in Sachen Tiefengeothermie. Bieberbach kann auf mehrere erfolgreiche Projekte verweisen. Münchens Ziel, bis 2040 eine klimaneutrale Fernwärmeversorgung erreicht zu haben, soll im Wesentlichen auf der Geothermienutzung basieren.

    Die Pläne der Bundesregierung überzeugen Bieberbach nicht: „Die Bundesregierung fokussiert sich stark auf elektrische Wärmepumpen. Doch wo soll an einem kalten Wintertag ohne Wind und Sonne der Strom für diese Wärmepumpen herkommen? Dazu kenne ich von der Bundesregierung keine überzeugende Antwort“, sagt Bieberbach. Die Bundesregierung habe noch keine überzeugende Lösung für die Wärmewende vorgelegt, kritisiert er.

    >> Lesen Sie auch: Lohnt sich jetzt eine Wärmepumpe?

    „Deutschland hinkt bei der Wärmewende seit Jahren hinterher. Die bisherigen Konzepte sind nicht geeignet, um schnelle Fortschritte zu erreichen. Wenn nicht bald etwas passiert, werden die Ziele krachend verfehlt.“

    31 Prozent des Erdgasverbrauchs in Deutschland entfielen 2021 auf private Haushalte. Quelle: imago images/Christian Ohde
    Gaszähler

    31 Prozent des Erdgasverbrauchs in Deutschland entfielen 2021 auf private Haushalte.

    (Foto: imago images/Christian Ohde)

    DWR eco hält die Kosten des Heizens mit Tiefengeothermie für überschaubar: „Die Wärmegestehungskosten geothermischer Heizwerke in Süddeutschland liegen aktuell bei etwa 25 bis 30 Euro je Megawattstunde (MWh). Damit liegen die Kosten unter denen eines modernen Erdgas-Heizwerks, das selbst bei Gasbörsenpreisen auf Vorkrisenniveau (29 Euro je MWh) Gestehungskosten von etwa 36 Euro je MWh hat“, heißt es in dem Gutachten von DWR eco.

    Geothermie birgt finanzielle Risiken

    Tiefengeothermie decke die Temperaturfenster kommunaler Wärmenetze (90 bis 130 Grad Celsius) „vollständig ab und sichert so die Versorgung von Haushalten und Teilen der Industrie (Papier, Lebensmittel, Metall)“ heißt es weiter. Zudem garantiere die Wärmeversorgung durch Tiefengeothermie Preisstabilität und Investitionssicherheit.

    Angesichts der enorm hohen Erdgaspreise und vor dem Hintergrund der Klimaschutzziele scheint der Einsatz von Geothermie ein Selbstläufer. Dennoch: Es gibt Risiken: Die erforderlichen Bohrungen sind kostspielig. Wenn sie scheitern, etwa wenn wasserführende Schichten nicht getroffen oder die tatsächlichen Temperaturen deutlich hinter den Prognosen zurückbleiben, ist das Geschäft verlustreich. Wärmeversorger, oftmals Stadtwerke, zögern daher.

    Das weiß man auch im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK): „Die Haupthemmnisse liegen in den hohen Finanzierungskosten insbesondere der Bohrungen und dem beträchtlichen Risiko der Nicht-Fündigkeit“, sagt eine Ministeriumssprecherin auf Anfrage.

    >> Lesen Sie hier: Das sollten Sie beim Austausch von Öl- und Gasheizung beachten

    Wie diesen Risiken entgegengewirkt werden könne, sagt das BMWK nicht. Befürworter der Tiefengeothermie haben dafür kein Verständnis. Erst kürzlich hat ein Verbändebündnis, dem der Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) und der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) angehören, skizziert, was zu tun sei, um Geothermie großflächig auf den Weg zu bringen. Das Bündnis fordert eine staatliche Risikoabsicherung für tiefe Bohrungen sowie eine gezielte Aufstockung der Fördergelder für geothermische Heiz- und Kraftwerke.

    Auch Erdöl-Unternehmen setzen auf Geothermie

    Auch die Unternehmen, die sich in Deutschland mit der Förderung von Erdgas und Erdöl befassen, setzen auf Geothermie. Sie habe „das Potenzial, erheblich zur Dekarbonisierung des Wärmemarktes beizutragen“, sagt Ludwig Möhring, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG). „Jetzt ist die Zeit reif, das ernsthaft anzugehen und die Tiefengeothermie aus der Nische von singulären örtlichen Projekten herauszuholen“, sagt Möhring.

    Er verweist darauf, dass seine Branche „in der Nachnutzung existierender Bohrungen wertvolle Beiträge liefern“ könne und außerdem über umfangreiche und fundierte geologische Daten verfüge. Damit könne die Kosten- und Risikostruktur von Geothermieprojekten erheblich verbessert werden.

    Aktuell keine konkreten Pläne zur Energieversorgung mit Geothermie

    In den Ampelfraktionen sind konkrete Schritte zum Einsatz von Tiefengeothermie indes nicht geplant. Die Tiefengeothermie könne für die Wärmeversorgung „interessante Beiträge liefern“, sagt etwa Ingrid Nestle, energiepolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion. „Unterstützen würde vor allem eine Risikoabsicherung bei Fehlbohrung“, ergänzt sie. Allerdings gibt es keine konkreten Überlegungen der Ampelkoalition, eine solche Risikoabsicherung auch tatsächlich bereitzustellen.

    Auch Nina Scheer, energiepolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, bestätigt, dass Tiefengeothermie eine „nicht zu unterschätzende Bedeutung“ zukomme. Deshalb habe man im Koalitionsvertrag auch vereinbart, ihr Potenzial besser nutzen zu wollen. Konkrete Schritte sind daraus allerdings noch nicht erwachsen.

    Mehr: „Es wird jetzt massiv investiert“: Warum immer mehr Unternehmen Roboter einsetzen

    Erstpublikation: 16.06.22, 10:10 Uhr.

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    3 Kommentare zu "Energieversorgung: Rettung aus der Tiefe: Wie Geothermie die Abhängigkeit von Gas aus Russland reduzieren kann"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • @Herr Metz,

      da haben Sie vollkommen recht. Man sieht bei uns immer nur den Nutzen aber verschweigt das Risiko, weil dieses auf den betroffene Bürger verlagert wird, der dann den Bürokraten hilflos gegenübersteht und für seine Entschädigung kämpfen muss, Das ist in dieser Form nicht akzeptabel. Wenn die Gesellschaft Geothermie oder Erdgas aus Deutschland haben möchte, dann muss diese Gesellschaft auch zu 100% für die Risiken aufkommen und zwar unbürokratisch und schnell.

    • Die Risiken bestehen bei der Geothermie nicht nur bei Nicht-Fündigkeit, sondern ganz generell: Siehe Ortskern Staufen, Erdbeben bei Bohrung bei Basel, erhöhte Erdbebenhäufigkeit bei Landau in der Pfalz. Geothermie wird erst dann gesellschaftlich akzeptabel werden, wenn die geschädigten Bürger sicher mit angemessenen Endschädigungen rechnen können. - Dasselbe gilt übrigens auch für die Erdgasförderung in bewohnten Gebieten, siehe Niederlande.

    • Ja hier muss politisch mehr geschehen.

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