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Premium Überwachung Amazons Türklingel „Ring“ gibt Daten ohne Gerichtsbeschluss an deutsche Polizei

Ohne Zustimmung der Nutzer können Videoaufnahmen von Amazon-Klingeln bei Sicherheitsbehörden landen. Datenschützer sind alarmiert und erwägen Bußgelder.
19.09.2022 Update: 23.09.2022 - 17:23 Uhr 1 Kommentar
Der Türklingel-Dienst Ring ist in den USA mit Abstand Marktführer. Quelle: AP
Türklingel Ring

Der Türklingel-Dienst Ring ist in den USA mit Abstand Marktführer.

(Foto: AP)

San Francisco Auch ohne richterlichen Beschluss oder Zustimmung der Nutzerschaft gewährt Amazon bei seinen smarten Türklingeln der Polizei in Deutschland Zugriff auf Daten wie Videoaufnahmen. In den USA hatten Datenschützer die Praxis kritisiert. Auf Handelsblatt-Anfrage räumte das Unternehmen ein, auch in Deutschland persönliche Daten an Ermittlungsbehörden zu übergeben.

Ein Amazon-Sprecher sagte, die Daten würden weitergegeben, „wenn die Strafverfolgung eine unmittelbare Bedrohung nachweisen kann und die Zeit drängt“. Dringlichkeitsanträge seien aber selten. Amazon beantwortete jedoch nicht, wie oft bereits in Deutschland Videoaufnahmen oder andere persönliche Daten an die Polizei oder andere Behörden übergeben worden sind.

Der SPD-Digitalpolitiker Jens Zimmermann und Baden-Württembergs Datenschutzbeauftragter Stefan Brink äußerten sich besorgt über den Umgang der Amazon-Tochter Ring mit personenbezogenen Daten. Zimmermann sagte, solange der Hersteller keine eigene Aussage zur rechtmäßigen Nutzung des Produkts gebe, seien „große Bedenken“ angemeldet. „Kritisch dürfte vor allem die anlasslose, längere Speicherung und Verarbeitung der Aufnahmen ohne Einwilligung sein.“

Problematisch erscheine insbesondere, dass nicht erwartet werden könne, dass eine Person sich darüber bewusst sei, was aus einem simplen Klingeln an der Haustür folgen könne. Zimmermann zog einen Vergleich mit Videokameras für das Auto, den sogenannten Dashcams. „Auch hier wurden eigentlich unzulässige Aufnahmen zu Ermittlungen herangezogen.“

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    Datenschützer erwägt Bußgelder

    Der Datenschützer Brink brachte Bußgelder gegen Amazon ins Spiel. „Wenn ein Unternehmen Daten seiner Kunden – zum Beispiel Vertragsdaten oder Videoaufnahmen – an Ermittlungsbehörden herausgibt, ohne dazu verpflichtet zu sein, läuft es Gefahr, die Kunden in ihren Rechten zu verletzen“, sagte Brink dem Handelsblatt. „Von der eigenmächtigen Herausgabe ihrer Daten betroffene Kunden können sich bei der Datenschutz-Aufsichtsbehörde über solche Unternehmen beschweren, denen Untersagungen, Bußgelder und Schadensersatzpflichten drohen.“

    In den USA hatte Amazon gegenüber dem Senator Ed Markey im Juli bereits eingeräumt, private Videoaufnahme von Ring-Kunden an US-Polizeibehörden geschickt zu haben. Amazon stellt eine Online-Schnittstelle bereit, über die Behörden oder die Polizei einen Zugriff auf Ring-Daten erlangen können. Auf der Website gibt es ein zweiseitiges PDF-Formular, um einen „Notfallzugriff“ auf Daten zu beantragen.

    Amazon weitet Fokus auf Hardware-Geräte aus

    Amazon hat sich vom Service-Unternehmen in einen Hardware-Konzern gewandelt. Vor 15 Jahren stieß Firmengründer Jeff Bezos mit dem E-Reader Kindle die Expansion in Endgeräte an. Später kamen Tablets und smarte Lautsprecher mit dem Assistenten Alexa hinzu. Das Hardware-Reich von Amazon ist jedoch viel größer.

    Unter Geräte-Chef Dave Limp hat Amazon während der vergangenen Jahre zahlreiche Firmen hinzugekauft, um mehr Aufgaben in den Wohnungen und Häusern seiner Kunden zu übernehmen. Vor wenigen Wochen hatte Limp den Zukauf der Saugroboter-Firma Roomba für 1,7 Milliarden Dollar ausgehandelt. Drei Jahre zuvor hatte er die Übernahme des Start-ups Eero aus San Francisco geleitet, welches smarte WLAN-Router herstellt. Kurz zuvor hatte Amazon den Hersteller von smarten Türklingeln, Ring, übernommen.

    Heute erstreckt sich der Produkt-Kosmos von Amazon über nahezu alle Bereiche des Haushalts. Eine zentrale Rolle soll künftig der Haushaltsroboter Astro spielen, der für 1000 US-Dollar in den USA verkauft wird. Der Astro-Roboter, der wie ein Alexa-Sprachassistent auf Rädern mit einem Bildschirm wirkt, soll die Wohnungen der Kunden erobern ähnlich wie die Smartphones zwei Jahrzehnte zuvor, gab sich Limp kürzlich in einem Interview mit der „Financial Times“ überzeugt: „Jeder wird im Laufe der Zeit mehrere Versionen von Robotern haben, weil es einfach so viele Aufgaben und Dinge gibt, die wir lieber einen Roboter erledigen lassen wollen.“

    Gleichzeitig warnen Verbraucher- und Datenschützer vor großem Missbrauchspotenzial, das sich aus den vielen Daten ergibt, die Amazon über den Alltag seiner Kunden sammelt.

    Gerade die Übernahme des Saugroboter-Spezialisten Roomba werde Amazon Zugriff auf sensible Daten geben, warnte Evan Greer, Chef der US-Verbraucherschutzorganisation Fight for the Future. „Amazon möchte überall seine Hände im Spiel haben, und die Übernahme eines Unternehmens, das sich im Wesentlichen auf die Kartierung des Inneren von Wohnungen spezialisiert hat, scheint eine natürliche Erweiterung der Überwachungsmöglichkeiten zu sein, die Amazon bereits hat“, sagte Greer in einem Interview.

    Mehr: Wie Apple, Amazon und Google dem Smart Home zum Durchbruch verhelfen wollen.

    Nachtrag: Amazon hat im Nachgang an die Veröffentlichung des Artikels kritisiert, die getätigten Aussagen des Unternehmens hätten sich lediglich auf eine allgemeine Praxis und nicht auf Deutschland bezogen. Amazon bestritt nicht, Strafverfolgungsbehörden in Deutschland einen Weg zum Datenzugriff einzuräumen. Die Praxis der Datenabfrage durch Sicherheitsbehörden beschreibt Amazon auch auf der Ring-Website in deutscher Sprache: Richtlinien zu Rechtsverfahren durch Strafverfolgungsbehörden.

    Das Handelsblatt hatte konkret nach Deutschland gefragt und darauf Antworten von Amazon erhalten, die in den Text eingeflossen sind. Um den Verlauf transparent zu machen, veröffentlicht das Handelsblatt hier die entsprechenden E-Mail-Auszüge:

    Am 25. August stellte das Handelsblatt folgende Fragen in Bezug auf Ring:

    „Gegenüber Senator Ed Markey hat Amazon kürzlich eingeräumt, Aufnahmen der Ring-Kameras mit US-Sicherheitsbehörden auch ohne Zustimmung der Endnutzer oder richterlichen Beschluss zu teilen. Kooperiert Amazon auch in Europa und/oder Deutschland mit Sicherheitsbehörden? Wenn ja, in welcher Form? Wurden auch dort Aufnahmen geteilt?“

    Am 1. September antwortete ein Amazon-Sprecher wie folgt:

    „Dringlichkeitsanträge sind selten, und jeder Antrag wird von geschulten Spezialisten in unserem Legal Team genau geprüft. Wir stellen dabei hohe Anforderungen an uns selbst und machen nur dann Ausnahmen, wenn die Strafverfolgung eine unmittelbare Bedrohung nachweisen kann und die Zeit drängt.“

    Am 6. September fragte das Handelsblatt nach Details zu Deutschland:

    „In welcher Form teilen Sie Daten mit Sicherheitsbehörden in Deutschland? Wie oft wurden bereits Daten geteilt? Und wenn streng geprüft wird – wie funktioniert das genau – wie stellen Sie fest, dass wirklich eine unmittelbare Bedrohung besteht?“

    Der Amazon-Sprecher antwortete am 8. September wie folgt auf die Fragen:

    „Anfragen von Strafverfolgungsbehörden, einschließlich dieser Notfallanfragen, werden von ausgewählten Mitgliedern des Ring Legal Teams geprüft. Ring verwendet die folgenden Kriterien, um die Legitimität einer Anfrage zu bestimmen:

    – Wir verlangen von den anfragenden Beamtinnen und Beamten, dass sie Details über die Notfallsituation angeben, z.B. wer sich in unmittelbarer Gefahr befindet und welche Informationen Ring ihrer Meinung nach hat und wie sie bei der Reaktion auf den Notfall helfen können.

    – Außerdem müssen die Beamtinnen und Beamten erklären, warum die Zeit nicht ausreicht, um eine rechtsverbindliche Verfügung wie z.B. einen Durchsuchungsbefehl zu erhalten. Wir lehnen Dringlichkeitsanfragen ab, wenn wir der Meinung sind, dass die Strafverfolgungsbehörden eine solche Anfrage schnell erhalten und uns zustellen können.

    – Informationen über Notfallanfragen sind auf unserer Website öffentlich zugänglich.“

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    1 Kommentar zu "Überwachung: Amazons Türklingel „Ring“ gibt Daten ohne Gerichtsbeschluss an deutsche Polizei"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Zum Glück habe ich diese "smarten" Türklingeln in Deutschland bisher noch nicht gesehen, würde diese aber in dem Fall einfach aus der Verankerung reißen. Die Leute, die sich sowas kaufen, sind wahrscheinlich genau dieselben, die auch eine Alexa-Sprachbüchse (oder vergleichbares von Apple+Google) Zuhause stehen haben, die intimste Gespräche in heimischen Wohn-/Schlafzimmern abhört.

      Wie Einstein doch so schön sagte: Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.

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