Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Premium Gas Das bedeutet der Lieferstopp durch Nord Stream 1 jetzt für Deutschland

Europas Gasmarkt erlebt einen der teuersten Tage der Geschichte. Die Bundesrepublik steht trotz gut gefüllter Gasspeicher vor Problemen – Verbraucher vor weiteren Preissprüngen.
06.09.2022 - 10:40 Uhr 11 Kommentare
Nord Stream 1 Quelle: AP
Bau von Nord Stream 2010

Russland hat die Gaslieferungen Richtung Westen erneut unterbrochen.

(Foto: AP)

Düsseldorf Der Preis für Erdgas ist am Montagmorgen sprunghaft angestiegen. Zeitweise notierte der als Orientierung geltende Preis am wichtigen Handelspunkt TTF bei 284 Euro pro Megawattstunde Gas. Das waren 37 Prozent mehr als in der vergangenen Woche.

Hintergrund ist eine Ankündigung des russischen Energiekonzerns Gazprom am Freitagabend: Durch die wichtige Gaspipeline Nord Stream 1 soll bis auf Weiteres kein Erdgas mehr nach Deutschland fließen. Offizieller Grund ist ein angeblicher Ölaustritt an einer Kompressorstation, den Experten während einer dreitägigen Wartung entdeckt haben sollen. Gazprom behauptet, dass das Leck einen sicheren Betrieb der Pipeline gefährdet.

Der Kreml macht die Sanktionen des Westens für derartige technische Probleme verantwortlich. Der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow teilte am Montag mit: „Wir bestehen darauf, dass der kollektive Westen – in dem Fall die EU, Kanada und Großbritannien – daran Schuld hat, dass die Situation am jetzigen Punkt angekommen ist.“ Dass westliche Sanktionen eine Reparatur von Nord-Stream-1-Komponenten verhindern sollen, dürfte allerdings nur ein vorgeschobener Grund aus Russland sein. Das deutsche Unternehmen Siemens Energy, das für Wartungsarbeiten an Nord Stream 1 zuständig ist, hat bekannt gegeben: Ein Befund wie der Ölaustritt sei kein Grund für eine Einstellung des Pipeline-Betriebs.

Nord Stream 1: Gazprom liefert bis auf Weiteres kein Gas mehr

Derzeit ist völlig ungewiss, wann oder ob Gazprom wieder Gas durch Nord Stream 1 nach Europa schickt. Der heftige Preissprung am Montag ist eine Reaktion auf diese Unsicherheit.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Der Gaspreis steigt erst jetzt, weil Gazprom den aktuell andauernden Lieferstopp am Freitagabend kurz nach Marktschluss bekannt gegeben hat. So konnten Händler an der wichtigen Gasbörse Intercontinental Exchange (ICE) in der vergangenen Woche nicht mehr auf die Ankündigung reagieren. Stattdessen haben sich Sorgen vor Gasengpässen in den kommenden Monaten über das Wochenende angestaut.

    Der Gaspreis ist deshalb jetzt von einem sehr hohen Niveau noch einmal drastisch gestiegen. Ende vergangenen Jahres kostete Erdgas noch weniger als 100 Euro je Megawattstunde. Jetzt ist der Preis fast dreimal so hoch.

    Grafik

    Diese Entwicklungen verschärfen Deutschlands Probleme mit Blick auf den kommenden Winter. Die Sorge wächst, dass das Gas für Industrie, Stromproduktion und Haushalte knapp und extrem teuer wird.

    Timm Kehler, Vorstand des Verbands Zukunft Gas, sagte dem Handelsblatt: „Es braucht viel Fantasie, zu glauben, dass ein vermeintliches Ölleck der Grund ist, dass Europa kein Gas mehr bekommt. Die neuerliche Unterbrechung der Ströme erhöht die Herausforderungen, die in den kommenden Wochen vor uns liegen.“ Damit steige auch das Risiko, dass einzelne Regionen in Deutschland mit geringeren Lieferungen zurechtkommen müssen. „Wir könnten erleben, dass weitere Eingriffe zur Senkung der Nachfrage erfolgen müssen.“

    Der Chef des angeschlagenen Energiekonzerns Uniper, Klaus-Dieter Maubach, schließt indes nicht aus, dass in Deutschland die Gas-Verteilung rationiert werden muss. Das müsse vielleicht in Betracht gezogen werden, sagte der Manager der Nachrichtenagentur Reuters am Montag am Rande einer Gaskonferenz in Mailand.

    Gasversorgung: Volle Gasspeicher reichen nicht

    Um einzuschätzen, wie kritisch die Situation im Winter wird, sind mehrere Faktoren zu bedenken. Einmal sind das die Gasspeicher, die häufig im Fokus der öffentlichen Diskussion stehen. Sie sind bereits ordentlich gefüllt, zuletzt zu über 85 Prozent. Damit ist das von einer Verordnung der Bundesregierung vorgegebene Ziel, am 1. Oktober mindestens 85 Prozent Füllstand zu erreichen, mit deutlichem Vorlauf erfüllt.

    Zum Auffüllen der Speicher fielen die Erdgaslieferungen durch Nord Stream 1 nicht mehr so stark ins Gewicht. Zuletzt kamen durch die Pipeline noch 348 Gigawattstunden Gas pro Tag in Deutschland an. Zugleich speicherte Deutschland etwa 965 Gigawattstunden Erdgas ein. Die Lieferungen durch Nord Stream 1 machten also nur etwa ein Drittel der eingespeicherten Mengen aus.

    Grafik

    Doch selbst wenn es Deutschland gelingt, die Speicherziele auch ganz ohne Lieferungen durch Nord Stream 1 einzuhalten, sorgt das aus Expertensicht nicht für einen entspannten Winter. Andreas Schröder vom Marktforschungsinstitut ICIS sagt: „Es ist eine gute Nachricht, dass Deutschland die Gasspeicherziele erreichen wird. Aber ich würde das auch nicht überbewerten. Denn das eingespeicherte Gas reicht nur für zwei bis drei Monate aus. Wir brauchen auch eine Verbrauchsreduktion, und die zeichnet sich bei den Haushalten laut Bundesnetzagentur noch nicht ab.“

    Etwas besser sehe es bei Einsparungen in der Industrie aus, aber auch das stimmt Schröder nicht allzu optimistisch. „Die Industrie hat mehr Gas eingespart, als ich vorher gedacht hätte, da sind wir schon bei minus 20 Prozent“, sagt er. „Das ist gut, aber auch ein Warnsignal. Das sind nicht einfach nur Effizienzgewinne. Eine Drosselung der industriellen Produktion kann auch zu einer Rezession führen.“

    Deutschland als Treiber der Gaspreise

    Dass die deutschen Gasspeicher schon so voll sind, kommt die deutschen Steuerzahler zudem teuer zu stehen. Denn die deutschen Speicher sind auch mit Staatskrediten gefüllt worden. Im Juni hat der Bund 15 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Damit sichert Trading Hub Europe (THE), eine Tochtergesellschaft der Ferngasnetzbetreiber, die Befüllung der Gasspeicher.

    Gasexperte Schröder erklärt den Nachteil der Strategie: „Damit geht THE auf Gas-Einkaufstour und zahlt Preise, die sonst kein Gasspeicherbetreiber zahlen würde. Wenn man aktuell einen rein marktwirtschaftlichen Betrieb hätte, würde kaum jemand in der aktuellen Situation Gas so teuer einkaufen, nur um es in Speicher zu füllen.“

    >> Lesen Sie auch: Was hinter den aktuellen Rekordpreisen für Strom steckt

    Gewöhnlich nutzen Speicherbetreiber wie etwa der Konzern Uniper ihre Speicherkapazitäten, um Gas erst günstig einzukaufen und die Vorräte später teurer zu verkaufen. Bei den aktuell horrenden Preisen einzuspeichern, ist nicht wirtschaftlich. Wenn sich Speicher von Betreibern wie Uniper füllen, heißt das aber nicht unbedingt, dass auch das Unternehmen Uniper das Gas zum Befüllen gekauft hat. Der Staat mietet über THE Kapazitäten in den Speichern anderer Unternehmen und füllt das mit Staatskrediten bezahlte Gas hinein, um für die Bevölkerung vorzusorgen.

    Gazprom in St. Petersburg Quelle: AP
    Gazprom-Zentrale in St. Petersburg

    Der russische Staatskonzern begründet den Lieferstopp mit Problemen an der Pipeline.

    (Foto: AP)

    Dass das so gut gelingt, hängt auch damit zusammen, dass andere europäische Länder in den vergangenen Monaten sehr zuverlässig große Mengen an verflüssigtem Erdgas nach Deutschland geliefert haben. Schröder sagt: „Norwegen hat uns zuletzt mit viel Erdgas versorgt und auch LNG-Lieferungen über Belgien und die Niederlande waren stark. Das hat uns sehr geholfen, unsere Speicher zu füllen.“

    Energiekosten: Mehrbelastung für Verbraucher durch Gaspreise erwartet

    Doch die hohen Preise am Markt, die auch Deutschland durch die Gasspeicher-Einkäufe mit getrieben hat, haben andere gefährliche Auswirkungen. Experten warnen, dass der Gaspreis für Endkunden noch weiter steigen wird.

    Siemens Energy widerspricht der Begründung Russlands für den Gaslieferstopp durch Nord Stream 1. Quelle: Bloomberg
    Arbeiter an einer russischen Gaspipeline

    Siemens Energy widerspricht der Begründung Russlands für den Gaslieferstopp durch Nord Stream 1.

    (Foto: Bloomberg)

    Steffen Suttner, Geschäftsführer Energie beim Vergleichsportal Check24, sagt: „Wenn die bereits vor der Krise beschafften Energiemengen der Energieversorger verbraucht sind, werden sie zu den aktuellen Rekordpreisen an der Börse einkaufen müssen.“

    Der durchschnittliche Gaspreis für Verbraucher stieg laut Check24 bereits im August auf einen neuen Rekordwert. Ein Musterhaushalt (20.000 kWh) zahlte demnach im Schnitt 3.717 Euro im Jahr für Gas – ein Plus von 185 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

    Mehr: Wirtschaftsweise Monika Schnitzer zu Entlastungen: „Im Paket klaffen zwei große offene Flanken“

    Erstpublikation: 05.09.22, 12:44 Uhr (zuletzt aktualisiert am: 05.09.2022, 16:20 Uhr).

    Startseite
    Mehr zu: Gas - Das bedeutet der Lieferstopp durch Nord Stream 1 jetzt für Deutschland
    11 Kommentare zu "Gas: Das bedeutet der Lieferstopp durch Nord Stream 1 jetzt für Deutschland"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Das ist ein Pokerspiel auf russisch - bin schon neugierig, ob die EU Weichlinge standfest bleiben - ich glaube ehrlichgesagt nicht - ich selber wäre für Durchhalten, habe aber als Hausbesitzer leicht reden, das gebe ich zu. Soll man sich von diesen russischen Falotten erpressen lassen ? Und wie steht man dann da in der Welt, wenn man sieht, daß man mit der EU alles machen kann, was man will ? Viele andere werden sich das genau ansehen. Den Gas Dreck habe ich abgedreht - ich heize mit Holz, und habe das Holz für die nächsten 2 Winter schon liegen. Das werden nicht viele so machen können, das ist bedauerlich, aber 1949 sind die Leute auch im Wintermantel in den Wohnungen herumgelaufen. Das ganze Gas sollte an die Industrie gehen.

    • Putin-Land wird wird in die Steinzeit zurückfallen, wenn der Westen seine Sanktionen aufrecht erhält. Putins Offensive ist festgefahren, die Waffenlieferungen an die Ukraine sollten schnell ausgeweitet werden, jetzt wo eh kein Gas mehr von Putin kommt. Der Preis für Europa ist hoch, aber eine Wende in diesem Krieg wäre er wert.

    • Auf wieviel Dummheit der Politik(er) und ängstlicher Abhängigkeit müssen wir uns noch gefasst machen und dafür bezahlen? Hätte nicht die gelernte Diplomatie, die Erfahrung aus der Geschichte und Gelassenheit uns den Wohlstand belassen, das politische Desaster in der Ukraine zu mildern geholfen und so unsägliches Leid dort verhindert? Das, was Putin als Reaktion auf Embargos heute einsetzt, hätte er längst früher einsetzen können, wenn er es denn gewollt hätte. Offensichtlich hat er es nicht aus eigenen Stücken gewollt. Nichts rechtfertigt den Einmarsch in ein fremdes Land, dennoch, wir zahlen für unsere Fehler.

    • Laut dem Chef der Neuburger Stadtwerke (war im Donaukurier gestern) reichen die eingespeicherten Gas-Reserven sogar nur max. 6 Wochen (ohne Sparmaßnahmen).

      Und jetzt will die FDP Nordstream 2 zurückbauen ? Hört sich nach Harakiri an....

    • Wenn Nord Stream 2 Gas liefern könnte, ja dann könnte man doch die Turbinen von Nordstream 2 nach Nordstream 1 verschieben.
      Egal wie die Dinger heissen NS1 oder NS 2 usw. Putin betrachtet Gas als Waffe und setzt es gnadenlos ein.
      Die fadenscheinigen Begründungen, warum kein Gas geliefert werden kann, glaubt nur der, der sie glauben möchte.
      Russland wird weder über NS 1 noch über NS 2 Gas liefern.
      Demnächst kann kein Gas geliefert werden, weil die Sauerstoffkonzentration im Arbeitsbereich der Turbine 20,8% beträgt.

    • https://www.ft.com/content/2624cc0f-57b9-4142-8bc1-4141833a73dd#myft:my-news:page


      Nur noch Gas, wenn die Sanktionen aufgehoben werden.

      Na endlich wird dies auch seitens der Duma öffentlich Kund getan

    • Wer nicht hören will, muss fühlen. Frieren ist effektiv, und einer produzierende Industrie, der der Grundstoff fehlt, wird sich vielleicht auch mal zu Wort melden.
      Auf LNG als Sofortmaßnahme zu setzten, ist verwegen. Bis die Infrastruktur steht, haben wir eine neue Krise.

    • Öffnet Nord Stream 2! Upps, das darf man ja gar nicht mehr sagen, denn der BND warnt jeden, der für NS 2 ist. Tolle Demokratie.

    • Was der Lieferstopp bedeutet ?

      Na, dass zu wenig Gas hier ankommt und der Habeck somit endlich seine durchgeknallten Ichkanneuchallezwingen-Machtphantasien zur Verteilung der Rest-Ressourcen austoben kann.

      Und nachdem wir spätestens seit Corona um die Salami-Taktik wissen, darf das getrost als Auftakt gesehen werden - dem die Lebensmittel und Rest-Ressourcen folgen werden. Erst weg. Krieg, dann dauerhaft wegen Klima halt - zumindest wenn man um das Konzept vom Great Reset weiß, der letztendlich die komplette Massensteuerung und -kontrolle vorsieht.

      Mittel zum Zweck:

      Abriss des bisherigen freien und frei zugänglichen Wirtschaftssystem.
      Verknappung der Güter.
      Zugang zu diesen Gütern nur noch - gemäß dem 2G-Konzepts - für verdiente, also unterwürfige Bürger, die ihre Folgsamkeit mit grünem QR-Code beweisen können

      Die bibelfestem Apokalyptiker wissen bereits heute, dass man letztendlich dann „ohne das Mal des Tieres nichts mehr kaufen kann“.

      Die Bausteine hierzu sind jetzt bereits am Horizont ersichtlich:
      * Frankreich hat bei Corona mit seinem 2G-Anspruch zum Zugang auch für den Grundversorgungs-Handel (!) den ultimativ erpresserischen Tabubruch unserer bis dahin freien Gesellschaft verfügt
      * die einsetzende Inflation wird den Euro zeitnah pulverisieren
      * der ersetzende Digital-Euro hängt an der E-Wallet - und diese wie die Digitale Identität am QR-Code

      Voila…

    • Wo sind sie denn auf einmal hin, all die tollen Experten, die zu Beginn dieses Energiekrieges den Medienkonsumenten weismachen wollten, dass Deutschland den Verlust russischer Erdgaslieferungen doch locker verkraften würde? Fo

    Alle Kommentare lesen
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%